Vermutung von mir Antwort von claude:
Hm, ich hätte gerne eine Darstellung der Besiedlungsrichtung unter dem Aspekt der Einfachheit/Wirtsfhaftlichkeit der Bewirtschftung. Es ist für mich völlig klar, daß die Menschen im Großen und Ganzen erst dort siedel(ten) wo der Aufwand für die Bewirtschaftugn am geringsten war und dann in weniger einfach zu bewirtschftende Gegenden ging.
Deine Grundthese stimmt – sie ist in der Siedlungsgeographie der Kern der Unterscheidung von Altsiedelland und Ausbauland. Aber die entscheidende Größe ist nicht die Bodengüte, sondern das Verhältnis von Ertrag zu Erschließungsaufwand. Das erklärt die Ausreißer:

Drei Punkte, an denen das Modell interessant wird:
Die Marschen widerlegen „Bodengüte zuerst“. Die Nordseemarschen gehören zu den ertragreichsten Böden Europas – und wurden trotzdem erst ab dem 12. Jahrhundert flächig erschlossen, weil sie ohne Deich, Siel und Entwässerungsgraben unbewohnbar waren. Die Landesherren holten dafür gezielt holländische Fachleute, die Hollerkolonisten. Erst als die Technik verfügbar und die Bevölkerung groß genug war, kippte die Rechnung. Dasselbe bei den Mooren: Oderbruch, Emsland, Donaumoos wurden erst durch staatliche Meliorationsprogramme im 18. Jahrhundert nutzbar.
Bergbau überschreibt die Landwirtschaft. Erzgebirge, Harz und Schwarzwald sind agrarisch miserabel – kalt, steil, sauer. Sie wurden trotzdem früh und dicht besiedelt, weil Silber und Erz einen völlig anderen Ertrag boten. Wo eine nichtagrarische Rente lockt, spielt der Bewirtschaftungsaufwand des Bodens kaum eine Rolle.
Die Wüstungen sind der Test. Wenn dein Modell stimmt, müsste ein Bevölkerungseinbruch die Siedlungsgrenze exakt rückwärts zurückrollen – zuerst fällt weg, was zuletzt dazukam. Genau das passierte nach 1350: Die Verluste konzentrierten sich auf die hochmittelalterlichen Rodungsinseln in den Mittelgebirgen, während Börden und Auen weiterbewirtschaftet wurden. Die Wüstungsperiode ist damit das stärkste empirische Argument für deine These.
Der Vollständigkeit halber: reine Standortökonomie erklärt nicht alles. Verkehrslagen an Furten und Pässen, Salzvorkommen, Wehrhaftigkeit, Grundherrschaft und Erbrecht haben die Reihenfolge regional verschoben. Aber als Ordnungsprinzip erster Ordnung trägt das Modell.
Wenn es dir hilft, kann ich daraus eine Karte machen, die Altsiedelland und die Ausbauzonen räumlich zeigt – dann sieht man den Zusammenhang mit der Lössverbreitung sehr direkt.
Um es deutlicher herauszustellen, ging es so weiter:
Nehmen wir einen begrenzten Bereich den Schwarzwald, ich denke, dort wird es noch deutlicher oder nicht?
Ja, deutlich schärfer – weil der Schwarzwald von leichtem Land eingerahmt ist. Rheinebene und Kraichgau im Westen, die Baar im Osten: beides Lösslandschaften mit Siedlungskontinuität seit der Jungsteinzeit. Dazwischen blieb ein Block, der bis ins Frühmittelalter praktisch leer war, obwohl er von zwei Seiten aus in Sichtweite lag. Die Menschen sind also nicht bis dorthin nicht gekommen, sie haben ihn schlicht umgangen.

Was den Schwarzwald zum Musterfall macht, ist die Reihenfolge der Renten. Es gab nicht eine Ursache, sondern eine Kette, und jedes Mal, wenn eine versiegte, kam die nächste – oder die Siedlung fiel weg.
Zuerst das Silber. Der Südschwarzwald war im Hochmittelalter eine der wichtigsten Silberregionen Mitteleuropas: Sulzburg, das Münstertal, Todtnau, der Schauinsland. Freiburg wurde 1120 von den Zähringern als Marktort gegründet und lebte vom Erz vor der Haustür. Dass Bergleute in 1000 Meter Höhe saßen, wo kein Getreide reift, war kein Widerspruch – ihr Brot kam aus der Rheinebene. Als die Gruben im 14. Jahrhundert erschöpft waren und die Pest dazukam, fielen genau diese Siedlungen wüst.
Dann der Wald selbst. Flößerei auf Kinzig, Murg und Nagold, die Holländerflöße für den Amsterdamer Schiffbau, dazu Glashütten, Köhlerei und Pottasche. Das waren im Wortsinn Wanderindustrien: sie verzehrten ihren Standort und zogen weiter.
Und schließlich, ab dem 18. Jahrhundert, die Uhrmacherei, das Strohflechten, die Bürstenbinderei. Das ist der ehrlichste Beleg für deine These, denn hier ist die Rente nicht mehr im Boden, sondern in der Arbeitszeit im Winter. Die Höfe hätten von der Landwirtschaft allein nicht leben können – die Familien blieben, weil ein Nebenerwerb die Lücke füllte.
Ein Faktor gehört aber nicht in die Ökonomie: das Erbrecht. Im Südschwarzwald galt Anerbenrecht, der Hof ging ungeteilt an einen Erben. Deshalb die charakteristischen großen Einzelhöfe statt Dörfer, und deshalb blieben die Betriebe lebensfähig. Ein paar Täler weiter, im Kraichgau und in Teilen des Nordschwarzwalds, galt Realteilung – dort zersplitterte der Besitz und die Leute wanderten aus. Gleiche Ökonomie, andere Rechtsordnung, anderes Ergebnis.
Die Fortsetzung läuft heute: Die abgelegenen Höfe fallen brach, der Wald kommt zurück, und was die Region hält, ist eine neue Rente namens Tourismus. Strukturell dasselbe Muster wie beim Silber.